Hitzschlag bei Hunden
Ein ernstes Thema, das gerade bei den aktuell herrschenden hohen Temperaturen immer wieder akut wird und schnelles, effektives und richtiges Handeln erfordert.
In dem kürzlich erschienenen Artikel von Dr. Viola Hebeler (Tierarztpraxis Hebeler) wird anhand von über 50 wissenschaftlichen Studien zur Ersten Hilfe mit der leider immer noch weitverbreiteten und längst überholten Empfehlung aufgeräumt, den Hund langsam und vorsichtig zu kühlen – denn mehrere wissenschaftliche Studien beweisen: “Die aggressive Kühlung mit kaltem Wasser ist das Mittel der Wahl.”
Nachfolgend der Artikel von Dr. Viola Hebeler aus 2026
Quelle: https://www.tierarztpraxis-hebeler.de/images/downloads/2026-Artikel_Hitzschlag.pdf
Eine Literaturübersicht von über 50 wissenschaftlichen Studien zur Ersten Hilfe
Der Rat zum langsamen Kühlen beruht auf der fehlerhaften Interpretation einer einzigen Studie von 1980 – Dutzende neuerer wissenschaftlicher Studien beweisen: Aggressive Kühlung mit kaltem Wasser ist das Mittel der Wahl.
Autorin: Dr. Viola Hebeler
Die Empfehlungen, langsam und vorsichtig zu kühlen, sind seit langer Zeit überholt. Sie beruhen auf der Fehlinterpretation einer einzelnen Studie an bereits komatösen Hunden aus dem Jahr 1980. Diese Fehlinterpretation wurde über persönliche Mitteilungen weitergegeben und fand mangels anderer Informationen zum Thema Einzug in alle Lehrbücher. Dies alles gehört in die niedrigste Evidenzklasse 4 und sollte mit dem Erscheinen höherwertiger Studien automatisch als überholt gelten.
Die heutige wissenschaftliche Evidenz ist eindeutig: Beim Hitzschlag (heat-related illness, HRI) des Hundes ist die sofortige, rasche Kühlung mit kaltem oder sogar eisigem Wasser die wirksamste, lebensrettende Erstmaßnahme. Überholte Empfehlungen wie „langsam kühlen“ oder „nur lauwarmes, bloß nicht kaltes Wasser“ kosten nachweislich Zeit und verschlechtern die Prognose signifikant.
Seit über 20 Jahren gibt es sehr viele Studien und Reviews zu den besten Kühlmethoden in der Erstversorgung von Überhitzung, zunächst in der humanen Sportmedizin, seit Langem aber auch in der Sportmedizin für Pferde und Hunde. Ein Literaturverzeichnis von über 50 wissenschaftlichen Studien sowie einige Infografiken sind dem Artikel angefügt.
Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit der Thematik, weil „Exertional Heatstroke“, also Hitzschlag durch Muskelarbeit – häufig bei hohen Außentemperaturen –, bei Arbeits- und Sporthunden eine große Gefahr ist. Daher habe ich eine recht umfassende Literatursammlung zum Thema. Seit vielen Jahren sehen wir bei Hütehunden, die auch in extremen Temperaturen arbeiten müssen, keine überhitzten, schwankenden Hunde mehr, weil auf die Abkühlung mit kaltem Wasser bei Auftreten von Hitzestress geachtet wird.
Gleiches gilt für die „Tactical Groups“ von Militär-, Polizei- oder Rettungshunden, die auch unter extremen Bedingungen arbeiten müssen. Alle diese Profis wissen, wie wichtig schnelle Abkühlung mit viel kaltem Wasser ist und dass sie auch bei hochgradig durch Hitze gestressten Hunden zu keinen negativen Auswirkungen führt.
Von besonderem Interesse sind die Veröffentlichungen des Royal Veterinary College (RVC) zum Thema, einer international renommierten tiermedizinischen Fakultät, die ebenfalls schnelle und drastische Kühlung mit kaltem Wasser noch vor einem Transport zum Tierarzt empfehlen und den deutschen Tierkliniken damit voraus sind. (Link und Studien s. Anhang und Lit.-Verz.) Eine beeindruckende Studie des RVC zur bedauerlich niedrigen Umsetzung aktueller Empfehlungen und die daraus resultierende Verschlechterung der Prognose für die betroffenen Hunde gründet sich unter anderem auf Zehntausende realer Fälle aus Tierarztpraxen und -kliniken im VetCompass. Obwohl die offiziellen britischen Empfehlungen seit über 10 Jahren bestehen, wurden nur rund 22 % aller Hunde mit Hitzschlag, die in Tierarztpraxen gebracht wurden, vorher gekühlt.
Eine exzellente Zusammenfassung aller Facetten von Pathophysiologie, Therapie und Prognose des Hitzschlags bei Hunden geben Bruchim et al. bereits 2017. [7] Sie schreiben in ihrer Zusammenfassung: „Early admission, diagnosis and intensive treatment, along with prompt whole body cooling by dog owners and caregivers are important for survival.“
1. Kühlmethoden
Nicht die maximale Körpertemperatur ist entscheidend für die Prognose bei Hitzschlag, sondern die Zeit, wie lange eine individuell zu hohe Körpertemperatur besteht. Die individuelle Hitzeresistenz beruht auf Fitness und Gewöhnung an hohe Temperaturen. Daher sind übergewichtige, untrainierte Hunde am stärksten gefährdet, während trainierte vierbeinige Athleten und Arbeitshunde kurzfristig bis zu 42 °C Körpertemperatur erreichen können, ohne Schaden zu nehmen. [2, 7]
Bei ersten Zeichen einer pathologischen Überhitzung (stark verbreitertes Hecheln, dicke, vorn aufgerollte Zunge) ist – schon vor den „klassischen“ Symptomen wie Taumeln, Apathie oder schließlich Bewusstlosigkeit – eine schnelle Senkung der Körpertemperatur von ultimativer Wichtigkeit. Je schlimmer die Symptome, desto dringender wird die Abkühlung, um eine Zerstörung innerer Organe zu verhindern. Ein Nierenschaden durch Hitzschlag entsteht schnell und belastet das ganze weitere Leben.
Die Eis- bzw. Kaltwasser-Immersion des gesamten Körpers erzielt die höchsten Kühlraten aller verfügbaren Verfahren und ist mit den besten Überlebensraten assoziiert. Dies ist nicht die Aussage einer Einzelstudie – wie die Theorie, eine Vasokonstriktion habe zum Tod der komatösen Hunde im Versuch von 1980 geführt –, sondern das übereinstimmende Ergebnis systematischer Übersichtsarbeiten, einer Metaanalyse und diverser aktueller Leitlinien. [40, 16, 13, 53]
Nicht nur die Society of Critical Care Medicine spricht eine starke Empfehlung für die aktive gegenüber der passiven Kühlung aus und benennt die Eiswasser- (1–5 °C) bzw. Kaltwasser-Immersion (9–12 °C) als die schnellsten Verfahren, mit dem Ziel, die Kerntemperatur innerhalb von 30 Minuten zu senken.53 Für die Humanmedizin fassen Casa et al. die Datenlage so zusammen, dass es „quite difficult, if not impossible“ (sinngemäß: sehr schwierig, wenn nicht unmöglich) sei, einen ansonsten gesunden Patienten mit Belastungshitzschlag zu verlieren, sofern die rasche Kalt-/Eiswasser-Immersion innerhalb weniger Minuten nach dem Kollaps eingeleitet werde. [13]
Natürlich ist Eiswasser – im Gegensatz zu sportlichen Großveranstaltungen – im täglichen Leben normalerweise nicht verfügbar, aber kaltes Wasser aus der Leitung ist fast überall zu bekommen und sehr effizient. Den Hundebesitzern muss nur die Angst davor genommen werden.
Unter Feldbedingungen kann eine Plane verwendet werden, die wie eine Wanne gehalten und mit Wasser gefüllt wird und in die der Hund gelegt und vorsichtig geschwenkt wird, um möglichst viel Kontakt zum kalten Wasser zu erreichen. So lässt sich auch mit wenig Wasser viel erreichen.
Sehr effektiv ist auch, die Hunde ganz nass zu machen und dann die Verdunstungskälte mit starken Ventilatoren zu verstärken. Entsprechend starke Ventilatoren werden aber vermutlich erst in der Tierarztpraxis zum Einsatz kommen. Leichtes Fächeln oder kleine Taschenventilatoren sind bei echter Überhitzung nutzlos.
2. Evidenzlage bei Hunden
In einem experimentellen Hundemodell kühlte Wasser von 15–16 °C fast ebenso schnell wie Eiswasser von 1–3 °C; andere Untersuchungen zeigten die (physikalisch erwartbare) Überlegenheit von Eiswasser. Übereinstimmend nahm die Kühlrate bei Wassertemperaturen über 18 °C jedoch gravierend ab.38 Entscheidend ist die Temperaturdifferenz zwischen heißem Körper und kaltem Wasser; deshalb wird in der Humanmedizin überwiegend Eiswasser eingesetzt.
Eine randomisierte Cross-over-Studie an Hunden belegte die eindeutige Überlegenheit der vollständigen Immersion in kaltem Wasser gegenüber den Vergleichsverfahren und ergab keinen Hinweis auf schädliche Effekte der Kaltwasserkühlung. [44]
Eine neue Studie, in der Hunde trainiert wurden, nach Belastung selbst den Kopf ins Wasser zu tauchen, erwies sich zwar als besser als Kühlversuche mit Isopropylalkohol oder Abwarten; der Immersion des ganzen Körpers ist diese Methode jedoch deutlich unterlegen. [43]
Zusammenfassend weist die aktuelle Fachliteratur auch in der Hundemedizin – soweit sie nicht lediglich alte Empfehlungen kopiert – die Kaltwasser-Immersion und die Wasserapplikation mit Luftbewegung wegen ihrer überlegenen Ergebnisse und der belegten Unschädlichkeit bei gesunden Hunden als die empfohlenen Verfahren aus. [27, 5] Bei Hunden mit Vorerkrankungen muss von Fall zu Fall abgewogen werden, ob die lebensrettende Kühlung Vorrang hat.
3. Geschwindigkeit ist lebensrettend
Schwere und Letalität des Hitzschlags werden durch Dauer und Höhe der
Temperaturerhöhung bestimmt. [27, 7, 4] Entsprechend deutlich fällt der Unterschied im Ergebnis aus: Von Hunden mit milder HRI überleben 97 %, von solchen mit schwerer HRI nur 43 %. [22] Jede Verzögerung der Kühlung verschlechtert die Prognose; eine bereits vor der Vorstellung eingeleitete Kühlung verbessert nachweislich das Überleben. [27] Die Konsequenz ist unmittelbar handlungsrelevant: Nicht die Höhe der Temperatur allein, sondern die verlorene Zeit kostet Leben.
Dabei sind trainierte, fitte und an Hitze gewöhnte Arbeits- und Sporthunde in der Lage, Temperaturen ohne Schäden auszuhalten, die bei untrainierten oder in ihrer Kühlfähigkeit eingeschränkten Hunden (z. B. brachyzephalen Rassen) bereits zu schweren Schäden oder zum Tod führen würden. Temperaturen über 42 °C ohne negative Folgen – gute Kühlung nach der Arbeit vorausgesetzt – sind bei Ersteren keine Seltenheit. [2, 7] Insofern sind auch die häufig zu lesenden Empfehlungen, Hunde bei Hitze ausschließlich früh morgens oder abends zu bewegen, zu pauschal; sie führen zu unnötigemStreit unter Hundehaltern. Wünschenswert wären mehr gut informierte Halter, die qualifiziert entscheiden können, was sie wann mit ihrem Hund tun. Soziale Medien, voll von Influencern, die mit radikalen Thesen Aufmerksamkeit, Klicks und Follower generieren wollen, sind der Tod des gesunden
Menschenverstandes. Durch ihre schiere Menge „vergiften“ sie auch die KI, aus der dann sogar seriöse Medien ihre Informationen beziehen.
4. Ursprung des "lauwarm/ langsam"- Kühlen- Mythos
Der Rat, nur „lauwarmes, nicht kaltes“ Wasser zu verwenden, ist nicht durch echte Daten gedeckt. Er lässt sich auf die Fehlinterpretation einer einzelnen Laborbeobachtung zurückführen. Hall et al. beschreiben den Ursprung präzise:
„… that experimental study also reported that some dogs died immediately upon immersion into ice-cold-water, with the authors suggesting that increased vascular resistance caused by peripheral vasoconstriction may have triggered cardiovascular collapse. This latter suggestion may have led to the recommendation frequently found in older veterinary texts and canine first aid advice to only cool dogs with ‚tepid‘ or ‚not cold‘ water and to avoid ice-water baths.“
Aus einer Beobachtung an komatösen Tieren in einer Studie von 1980 [38] wurde eine Theorie abgeleitet, die dann als nicht weiter hinterfragte, pauschale Empfehlung für alle Hunde mit Hitzschlag über Jahrzehnte in der Tiermedizin kolportiert wurde (Zitat oben aus Hall et al.27).
Tatsächlich sind periphere Vasokonstriktion und Kältezittern im kalten Wasser wegen der hohen Wärmeleitfähigkeit des Wassers ohne relevante bremsende Wirkung. [13] Während die Vasokonstriktion oberflächlicher Gefäße an der Luft funktioniert, weil Luft ein schlechter Wärmeleiter ist, ist dieser Schutzmechanismus im kalten Wasser völlig überfordert. Das ist günstig, wenn man einen heißen Körper kühlen will – und ungünstig, wenn ein Mensch z. B. ins eiskalte Meer fällt.
In der kynologischen Fachliteratur wird der „tepid water“-Rat ausdrücklich als widerlegter Mythos bezeichnet. [5, 27] Eine ältere Übersichtsarbeit, die immer noch zum langsamen Kühlen rät, ist vor diesem Hintergrund als überholt einzustufen.
5. Internationale Empfehlungen
Wie evidenzbasierte Empfehlungen vorbildlich erhoben und kommuniziert werden, zeigt das Royal Veterinary College mit den VetCompass-Studien und der Handlungsmaxime „cool first, transport second“. [22, 27, 50] Dennoch sind auch dort die Verantwortlichen frustriert, wie häufig noch auf überholte Empfehlungen von Kolleg:innen gehört wird. Von allen über VetCompass untersuchten Hitzschlagfällen der letzten zehn Jahre wurde nur etwa ein Viertel der Hunde als Erste-Hilfe-Maßnahme überhaupt gekühlt – und davon wiederum nur ein kleiner Teil korrekt mit kaltem Wasser, obwohl die Empfehlungen seit über 10 Jahren veröffentlicht und in der tiermedizinischen Fachszene bekannt sein sollten.
Welchen Stellenwert die rasche Kaltwasserkühlung im Spitzensport einnimmt, verdeutlicht der betriebene Aufwand: Bei den Olympischen Spielen in Tokio 2020 wurden allein an den Wettkampfstätten über 22 Tonnen Eis bereitgestellt. [47] Im Pferdesport gehört das großzügige Kühlen mit kaltem bzw. Eiswasser seit den Spielen 1996 in Atlanta zum Standard.[46] Was im Spitzensport für die wertvollsten Athleten selbstverständlich ist, muss auch beim normalen Familien- und Begleithund Standard werden.
Weder die menschlichen Top-Athleten noch die teuersten Pferde würden einer gefährlichen Prozedur unterzogen. Eiswasser ist zwar zugegebenermaßen sehr unangenehm, aber nicht gefährlich – und es hat schon zahlreiche Leben gerettet.
6. Zusammenfassung
Maßgeblich ist die Maxime „cool first, transport second“ – zuerst kühlen, dann transportieren. [50, 53] Konkret:
Sofort und noch vor dem Transport aktiv kühlen. Mittel der Wahl ist die Immersion in kaltem bzw. durch Zusatz von Eis sehr kaltem Wasser. [40, 53, 50]
Ist eine vollständige Immersion nicht möglich, ist der Hund ohne Zeitverlust kontinuierlich mit kaltem Wasser zu übergießen. Vorerkrankte Hunde können alternativ mit Wasser besprüht und mit kräftiger Luftbewegung (Ventilator, Fahrtwind) durch Verdunstung gekühlt werden. Alles muss zügig, nicht „schonend“ oder „langsam“ durchgeführt werden. [27]
Der Schaden an den Organen durch zu hohe Temperatur und den resultierenden Sauerstoffmangel ist weit größer als eine eventuelle Kreislaufwirkung. Ausnahmen sind Hunde mit bekannten, schweren Herzerkrankungen: Bei Überhitzung sinkt der Blutdruck und das Herz muss extrem arbeiten. Steigt der Blutdruck bei plötzlicher Abkühlung rasch an, kann dies zu viel Belastung sein. Allerdings ist auch hier die Überhitzung die eigentliche
Ursache der Überlastung; der kältebedingte Blutdruckanstieg ist im schlimmsten Fall nur der auslösende Faktor für die endgültige Insuffizienz.
Eine rasche Senkung der Kerntemperatur ist anzustreben; die Kühlung wird erst bei Annäherung an die Normaltemperatur (39,0–39,5 °C) beendet. [53] Dies geschieht idealerweise unter Kontrolle der Rektaltemperatur.
Veraltete Empfehlungen zum „langsamen“ oder „lauwarmen“ Kühlen sind angesichts der Datenlage nicht länger vertretbar und führen zu vermeidbaren Todesfällen. Die Studienlage ist durchweg eindeutig: Schnelles Kühlen mit kaltem oder Eiswasser ist die beste Möglichkeit, das Leben überhitzter Hunde zu retten.
Literaturverzeichnis
Alphabetisch nach Erstautor, durchnummeriert; die hochgestellten Ziffern im Text verweisen auf diese Nummern. Praxis- bzw. fachöffentliche Quellen (Leitlinien, Fachblogs, Infografiken) sind gekennzeichnet.
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